Ein letztes Mal MJ…

Die Nachricht hat sich gesetzt, die Medienkasper sind ordentlich am Hühnchen rupfen und sämtliche Onlineshops der Welt melken die Kuh bis zum Getno. Zwölf Stunden nach Jacksons Tod gibts die ersten potthässlichen „RIP“ T-Shirts bei Ebay und noch ’ne Stunde später sind sämtliche Webseiten des Königs ins einheitliche Remember The Time Design gekleidet. Wahnsinn, das mal so mit zu erleben. Zwischen allen Nachrufen und Trauerbekundungen ploppen natürlich auch ein paar ganz coole auf, die den Rummel üüüberhaupt nicht verstehen und schlechten Musikgeschmack riechen. Es folgt eine Erklärung, ein letzter Nachruf, ein Schriebs. Im Zweifelsfall einfach nicht weiterlesen, wenn das Thema nicht interessiert / schon auf die Nerven geht!

…………………………………………

Als die Comeback Tour angekündigt wurde, habe ich noch so überlegt. Wenn der mal geht, dann haben wir auch unseren Elvis. Der Vergleich hinkt, na klar, aber ein vergleichsweise tragendes Ereignis der Popkultur meiner Generation dürfte lediglich die Trennung Take Thats gewesen sein, und die ging mir in dem Alter dann doch am Arsch vorbei. Zu der Zeit hab ich nämlich noch vor der Glotze den Moonwalk geübt.

Ich muss gerade fünf Jahre alt gewesen sein, als mir meine Mutter im Spanien-Urlaub die Dangerous auf Kasette gekauft hat. Ich kannte die Singles aus dem Fernsehen, weil ich jeden Morgen vor meinen Eltern aus dem Bett gekraxelt bin und mich vor das damals durchaus unterhaltsame Programm von MTV gepflanzt hab. Michael Jackson war der perfekte Star für mich. Wie er mit seinen völlig übertriebenen Goldanzügen in zehnminütigen Videos die Welt gerettet hat – wie ’ne singende Comicfigur, ein tanzender Superheld. Jede größenwahnsinnige Idee einfach umzusetzen – da gehört schon eine ordentliche Portion Hirnverbranntheit dazu, aber was kann es bitte geileres geben, als einen Pophelden, der sich in einen Panther, einen Riesenroboter oder einen Kampfjet verwandelt, um Kinder zu retten oder Hakenkreuze (!) zu zerschlagen, wenn dem geneigten Fan altersbedingt das Feingefühl fehlt, um zu erkennen, wann es eindeutig zu viel wird.

Wenn ich mir heute Moonwalker anschaue, oder sehe, wie sich Michael im Kampf gegen rassistische Symbolik zehn mal an die Eier greift, kann auch ich mir das Lachen natürlich nicht verkneifen. Tatsächlich aber beneide ich die Freiheit, jede noch so bescheuerte Idee, die man sich im kindlichen Eifer auf der Suche nach dem Superheld in sich selbst bekommt, einfach startklar zu machen und durchzuziehen.
Michael Jackson hat sich in den letzten fünfzehn Jahren zu einer Karrikatur verwandelt. Die Seifenblase des fleischgewordenen Comicheroes wich mehr und mehr der traurigen Realität einer gebrochenen, kindgebliebenen Schauergestalt. Mit zehn Jahren haben mir meine Eltern Britpop und Rio Reiser gezeigt, und Michael war erstmal lange, lange out. Später kamen die Toten Hosen, noch später die New Metal Welle und alles, nur „kein scheiß Radiopop!“
Irgendwann vergisst man dann, Musik nach Genre und möglichst schwacher Chartsplatzierung zu bewerten. Dann geht es nur noch um gute Songs. Ich saß grad nachts mit Gary aka Fuzz Galaxy Buzz zusammen, als wir alte MTV Tapes ausgebuddelt haben und uns stundenlang Michael Jackson Shit gegeben haben. Da war er wieder. „Natürlich war das geil damals! Und natürlich tanzt der krass! Und NATÜRLICH sind das Bombensongs!“ Auf Captain Capa Reisen ist seit dem immer eine Michael Jackson Playlist im Auto dabei, in jedem DJ Set findet sich mindestens ein mal Beat It wieder.

Hinter der Witzfigur des gefallenen King Of Pop steckte letztlich immer der geile Typ, der Billie Jean, Who Is It oder Give In To Me geschrieben hat. Hinter der bröckelnden, weißen Haut versteckte sich immer der Kerl, der Kunstschulen in Afrika bauen wollte, naive aber verdammtnochmal wichtige Messages in die Charts gepumpt hat und sich für jeden humanitären Crap einsetzte. Hinter dem beängstigenden, androgynen Wesen, für das ihn die Welt gehalten hat, steckte einfach der echte King Of Pop in gold, ohne den die heutige Musiklandschaft sicherlich anders klingen würde. Ich will mir auch nicht ausmalen, wie sich unser Shit anhören würde, wenn wir als Kids nicht diesen Mann gehört hätten. Vielleicht kein bisschen anders. Vielleicht aber doch. Vielleicht würden wir immernoch langweilige Metalscheiße in irgendeinem vergammelten Proberaum spielen und über „Radiopop“ lachen.

Was bleibt ist ein GEILER TYP in unseren Köpfen, der als letzter nochmal richtig auf die Kacke hauen durfte und das Wort „Superstar“ berechtigt ausfüllen konnte. Das Gefühl, dass da nun definitiv nie wieder was kommt, keine Note, kein Wort, kein Tanzschritt, ist nun bei jedem Play dabei, und das ist das Ätzende an diesem beschissenen Ende.

Also dann! Rest in Peace, MJ und feier schön mit Peter Pan ab oder so!


4 Antworten auf “Ein letztes Mal MJ…”


  1. 1 Guesswho 29. Juni 2009 um 19:25 Uhr

    Es wäre eine Schande diesen Beitrag nicht mit allem Respekt und Mitgefühl zu würdigen, den man aufbringen kann. Super geschrieben.

  2. 2 renate 30. Juni 2009 um 15:06 Uhr

    sehe ich auch so. ich kannte michael noch aus der schule. er hat mir immer sein pausenbrot geschenkt, dafür wollte er in geschi und erde immer von mir abschrieben. später hat er sich dann lieber mit paul mc cartney getroffen und die beiden haben immer zusammen plemo gespielt. ich war dann eher uninteressant und habe nur bei „thriller“ und „bad“ an den reglern gesessen.
    ähm. hätte ich gerne, meinte ich. ähm.

  3. 3 .mary 01. Juli 2009 um 10:30 Uhr

    toller beitrag!

  4. 4 frank 07. Juli 2009 um 15:19 Uhr

    …auf den punkt getroffen!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.