von schnecken, blut und bechern

Die Toten Tiere ziehen winkend an uns vorbei, der Alltag kehrt wieder in unsere tristen Kleinstadtleben, der erste Schnee fällt. Ein guter Zeitpunkt, um sich mit einem warmen Kakao und drei winzigen Teelichtern, eingemümmelt in eine Wolldecke, in den Schaukelstuhl zu setzen und das Märchenbuch aufzuklappen. Es sind noch nicht alle Geschichten erzählt!

Donnerstag – Heidelberg – Teufel

Willkommen zurück in der satanischen Brunfthölle Heidelbergs. Durch nerdige Internetconnections seit jeher mit dem Bandenchef verbunden und den Geschmack des tiefgekühlten Jägermeisters vom letzten Renate / Capa Konzert in hiesiger Lokalität noch auf der Zunge spührend war die Vorfreude auf den Abend in der Studentenhochburg selbstverständlich groß. Dass Heidelberg unseren Ansprüchen an dem Abend leider nicht gerecht wird, macht uns alle traurig. Im Backstage reicht man sich Taschentücher und weint.

Marco: Was haben wir nur falsch gemacht!? Was nur, WAS!?
Henry: Ich sag noch, lern endlich den scheiß Slayer Song, Marco!
Hendrik: Kinder, beruhigt euch! Nehmt erst mal eine Orange und einen kräftigen Schluck Tee!

Ein großes, zeremonielles Vorkommnis soll den Abend zu etwas ganz besonderem machen: unsere Rumpelkapellen tauschen Abschiedsgeschenke untereinander. Wahnsinn! Während Firma Captain Capa mit einer gezeichneten Tourcollage, randvoll gespickt mit billigen Insiderwitzen, zu glänzen versucht, schießen die Halben Hemden alle Tauben vom Himmel und geben uns eine wundervolle, pfeifende Porzellan-Schnecke mit auf den Weg. Sie entpuppt sich als brutal schlauer Schnecken-Detektor, der nur pfeift, wenn man einen Lahmarsch scannt! WAHNSINN! Aber erstmal Konzert spielen.

Wir haben auf der Bühne unseren Spaß, und auch wenn der totale Dancemob nicht ausbrechen will, geben wir ein feines Konzert mit feiner Zugabe. Widersprüche von Klöpsen aus der ersten Reihe werden brutal mit dem Kaosspad zermürbt, was beim Rest der Heidelberger Studentenmeute amüsiert aufgenommen wird. „FRANZ FRANZ FRA FRA FRA FRANZ.“ Supershirt erleben zum ersten Mal in ihren vergoldeten Poopoo Leben eine kleine Schlappe – drei Studenten verlassen missmutig das Konzert noch VOR dem großen Tote Tiere Finale. Die Taschentücher im Backstage stehen zum Glück schon bereit!

Der großartige Sauerbraten vom Superlucht rettet uns allen den Abend. Nur Schnaps ist nicht. Hä!? Zum Glück haben wir vorgesorgt und diverse Köstlichkeiten aus der Heimat mitgebracht. Es gibt Pfeffi, Sauerkirsch und Kobold. Das beste Mixgetränk der Welt. Immerhin ist die Unterbringung heute erste Sahne!! Wir haben ein Zimmer zum Schlafen und sogar Matratzen!! Zum Frühstück gibt es Orangen und Tee und eine kleine Toilette ist auch da. TOP!!!

Freitag – Dresden – Chemiefabrik

Die Wege der Supershirts und Captains trennen sich an diesem Mittag, und das macht uns alle traurig. Hirni Wott kann es nicht fassen und macht Reisegruppentitel RAPE‘N'KILL noch einmal alle Ehre, indem er den Hamstercaptain auf der großflächigen Motorhaube des Honda Prelude wegballert. Aua, aua!!

Die Fahrt nach Dresden zieht sich gewaltig in die Länge. Uns geht es semi-gut und auch der bevorstehende Abend bereitet uns große Sorgen. So spaßig es auch ist, in zugesprühten, linken Einrichtungen zu spielen, so vage ist es auch häufig um die Technik, den Sound und das Drumherum bestellt. Tatsächlich nach Ankunft erstmal der große Schock:

Techniker: Wie? Ihr seid ’ne Band?
Maik: Ja, hallo! Wir sind Captain Capa.
Techniker: Ihr legt nicht auf?
Maik: Nee, wir spielen live!
Techniker: Also kein DJ Pult?
Maik: Für uns nicht. Wir brauchen Platz. Zum spielen!
Techniker: Was noch?
Maik: Vier Mikrofone, drei Stative, zwei Monitorboxen, vier Klinkeneingänge, drei…
Techniker: Uuuufffffff…

Aber, aber. Kein Grund zur Aufregung! Während Maik und ich uns vor Angst in die Hose machen, steigt in der Chemiefabrik plötzlich der feine Geruch von frischem Gras durch die Luft. Man versichert uns, dass „alles cool wird.“ Tatsächlich – und das verschlägt uns eine Stunde später fast den Atem – werden plötzlich alle nötigen technischen Quereleien aus dem Weg geschafft. Wie von Zauberhand steht jeder Fetzen benötigtes Equipment auf der Bühne. Woher auch immer es gekommen sein mag, es rettet die Nacht! Ähnlich zauberhaft sind auch die 120 Leute, die sich in der Chemiefabrik einfinden und schreien, als wir uns edel und anmutig wie Zementsäcke auf die Bühne schwingen. GEIL!!

Das Konzert ist Bombe, wir schwitzen wie kleine Schweinchen im Dauerlauf, das Publikum ist wundervoll und zwingt uns zu fünf Zugaben. Bis nichts mehr geht! Eieiei!!

Am nächsten Morgen gibt es feinsten Schweinekopfschrott zum Frühstück!

Samstag – Bischofswerda – Club East

Nachdem Maik und ich gefühlte zwanzig Stunden in den Dresdener Einkaufsmeilen verbringen und ordentlich den Swag aufdrehen, kommen wir irgendwann im verschlafenen Bischofswerda an. Erste Überraschung: wir spielen an einem Indoor-Strand.

Wir fühlen uns ein bisschen wie zuhause – Beachparty im SAX. Sauber!! Wir sind uns sicher: das wird der Abend unseres Lebens. In der Euphorie der Vorfreude spielen wir dieses lustige Quiz mit Bühnenstrahlern. Vorhang auf für das irrsinnige LABELRATEN!!

Der East-Club füllt sich in Kürze mit… ja womit eigentlich? Menschen, auf jeden Fall! Menschen aller Coleur! Emokids, Discojunk, Hardcoremob, U18, Ü30, Muttizettel, Technohead, Dorfstyler, Indiekid, Raproboter – alle finden sie sich ein. „Was ist denn hier los? Das ist ja eine bunte Mischung!“ „Ja, ist halt der einzige Club weit und breit.“ Awesome! Blöd nur – und das wissen wir alle – dass die Hundertschaft an Dorfjugend nicht wegen uns da ist. Ein kleiner Fanclub verirrt sich dennoch in die erste Reihe und hilft uns beim ZIEHEN. Darum geht es an diesem Abend! Leute ziehen! Nach anfänglicher Verwirrung kann die Masse unter Palmen allerdings gefluxt werden, und am Ende wollen doch alle bloß immer mehr. Ha!! So läuft das, ihr Süßen!

Irgendwann gegen 04:00 morgens, der Alternative DJ spielt gerade einen totalen Geheimtipp namens „Smells Like Teen Spirit“, verwandelt sich das Massaker der Gefühle dann leider in ein Massaker der Hautfetzen. Ein zugekokstes Nazipig schleudert seinen Glatzkopf durch die bunte Mischung lustiger Kids. Dass er dabei ausgerechnet meine Augenbraue erwischt, ist vielleicht ein Wink des Schicksals. „Hannes, runter vom Floor, du kannst nicht tanzen!“ Dann geht alles ganz schnell! Schwarz vor Augen, vorsichtig mit der Hand vorfühlen… „Bidde kein Blut, bidde jetzt kein Blut!“

Hannes: Maik.
Maik: … und dann sind wir nach Dresden gefahren, haben da…
Hannes: Maik!
Maik: … da steht der Techniker so da und ist voll erschrocken weil..
Hannes: MAIK!
Maik: Hannes was is… AAAAH!!! SHIT!!

So schnell kanns gehen. Mein Backstage für die Nacht ist also die Bischofswerdaer Notaufnahme, die sich alle Mühe gibt, meinen betrunkenen Schädel zu flicken, und dafür sogar die Pein des angetrunkenen Laberschwalls über sich ergehen lässt. Es gibt fünf Stiche und jede Menge Blut und alle sind zufrieden!

AUA AUA!!

Schade, dass die Geschehnisse nicht heldenhafter waren. „Da war dieser Typ, der hat den Tresen angebrannt, da bin ich hingegangen und hab ihm die Zähne einzeln rausgeprügelt und ihn auf den Mond geschleudert!! Leider stürzte ein Mondsplitter herab und traf mich auf der Stirn!!“ EGAL!

Ein winziger Kreis netter Mädchen, die längst hätten zuhause sein sollen!!!, wartete noch im sich leerenden Beachclub um uns folgendes, liebreizendes Geschenk zu überreichen:

Wir freuen uns und gehen schlafen.

Paderborn / Jena

Am nächsten Wochenende packen wir unseren Homie Mario mit in die Karre und fahren nach Paderborn. Wir stellen fest, dass keiner auch nur irgendetwas über die mysteriöse Stadt weiß. Vor Abfahrt wissen wir noch nicht mal, in welche Himmelsrichtung es gehen soll. Jetzt wissen wir immerhin, dass es in Paderborn 20.000 stationierte UK Soldaten gibt, die das Nachtleben zur Hölle machen. Super!! Wir spielen vor einer winzigen Traube Menschen und geben trotzdem Gas. Tanzen traut sich keiner, dafür ist zu viel Platz auf dem Danceteppich, aber schön finden sie es wohl trotzdem. „GREAT SHOW MATE I LOVED IT!“ Thääänks! <3 Eine kleine Truppe ganz bequemer Damen verharrt während der Show in einer gemütlichen Sofa-Ecke mit direktem Blick zur Bühne. Nie wieder Sitzplätze!! Furchtbares Gefühl!

Die Nacht wird trotz Nahtschmerzen, Grippescheiß und einem eher zweitklassigem Bühnenerlebnis zu einer feinen, runden Geschichte. Wir versaufen das Dreifache der Abendeinnahmen und überraschend kommt es zu einem Captain Capa Ashi DJ Set, dass dem harten Kern viel Freude bereitet und auch Maik und Mmmario auf den Dancefloor lockt. Super! Veranstalter, Laden und Technik sind übrigens top – null Abzüge!!

Auf dem Weg zum Hotel lernen wir dann noch den nettesten und witzigsten Taxifahrer der Welt kennen.

Maik: Ich steig dann mal ein…
Taxifahrer: *fährt los*
Maik: EY!! WAS GEHT AB!?
Taxifahrer: Was steigst du so langsam ein ey!?!
Maik: Ey ich hatte meinen Fuß noch draußen was ist los!?
Taxifahrer: Ja sei nicht so lahm ey Mann…
Hannes: Hm, okay! Wir müssen in dieses Hotel! Ohje, was für eine edle Visitenkarte.
Taxifahrer: Zeig mal her ey. Was daran edel?
Hannes: Aquarellpapier! Schön!
Taxifahrer: Aquapapier ey, Wichspapier oder was, hehe!!
Hannes: Bitte?
Taxifahrer: Wichs ich drauf ey!! Machsu meinen Wichsfleck rauf und schreibst hinter so RELL.
Hannes: Hm… funneeeh.
Taxifahrer: Was ey!? Willsu mal kosten Wichspapier oder was!? Milchpapier LOL!!
Hannes: omg
Maik: Sie sollten vor ihrer nächsten Fahrt weniger saufen, Sir.

Mit Zwischenstopp im schönen Frankenhausen, wo wir uns alle einmal den Dreck vom Körper schütteln und uns jeweils vier mal duschen, fahren wir weiter nach Jena. Die Captain Capa Goldkehle ist inzwischen völlig am Arsch und fügt jedem zweiten Wort ein widerlich schleimiges „HUST RÖCHEL KRAAARZ“ bei. Super, dass das HAUS in Jena durch Zentralheizung, wunderschöne Backstage Räumlichkeiten und idealen Bühnenzugang glänzt. HIHI. Quark! Das HAUS ist Punk und das ist gut so! Nicht immer leicht, aber gut so! Draußen ist es nass und bitterkalt und drinnen passiert uns endlich der Supergau:

Mario: Wo ist eure Soundkarte?
Hannes: Laptoptasche!
Maik: Nnnope.
Hannes: Gummitasche!
Maik: Nnnope.
Hannes: Kabeltasche?
Maik: Nnnope.
Hannes: Okay. Shit.

Eine Elite-Einheit aus Frankenhausen muss in mein Zuhause einbrechen und uns die Soundkarte ins 1 1/2 Stunden entfernte Jena mitbringen. Shhhhhit. Tausend Dank an dieser Stelle nochmal! Nachdem wir die wartende Menge mit Russ Chimes DJ Sets und kurzen Ausflügen in die Welt des Bloghouses gequält haben („WANN FANGT IHR AN WAS DAS FÜR SCHEISS!?“) können wir endlich loslegen. Was auch bitter nötig ist, denn Captain Ah-Ah sind unterkühlt und laufen bereits blau an. Die Leute im HAUS machen ihrem Ruf alle Ehre und das Konzert wird, wie jedes Jahr, Bombe. Ein paar winzige Unstimmigkeiten im Feeling machen sich breit – wir haben keine Ahnung, worans liegt und machen einfach weiter. Vielleicht liegt es tatsächlich am Captain Capa Keuchhusten, der nach weiteren Stunden in Minusgraden und Dauergebrabbel nach dem Auftritt in einer furchtbar Opa‘esquen Hust-Eskapade gipfelt. Furchtbar, aber so ist das. Wir verabschieden uns beim Veranstalter und düsen nach Hause!

Juchu!! Jetzt Pause, Songs schreiben, arbeiten, ausruhen, gesund werden. Am 03. Dezember kurzes Zwischenspiel in Bad Frankenhausen, was auch immer das werden soll, und am 17. Dezember große Knallerparty in Erfurt!

MÄRCHENBUCH ZU! GUTE NACHT!


6 Antworten auf “von schnecken, blut und bechern”


  1. 1 stalker 26. November 2010 um 3:07 Uhr

    wunderfein geschrieben.
    danke :-)

  2. 2 Anne 26. November 2010 um 10:48 Uhr

    „Ein winziger Kreis netter Mädchen, die längst hätten zuhause sein sollen!!!“
    ..öhh. Ich nicht, die anderen beiden schon. Frechheit! :D

    Aber Dresden hast du super auf den Punkt gebracht. (:

  3. 3 ashi 26. November 2010 um 14:45 Uhr

    Ich entschuldige mich für diesen Fauxpas!! ;)

  4. 4 De Mongoo 27. November 2010 um 8:57 Uhr
  5. 5 De Mongoo zwo 27. November 2010 um 9:02 Uhr
  1. 1 Womit nehmt ihr eure Dj Set´s auf? | Alles über Musik download Pingback am 13. Mai 2011 um 15:30 Uhr
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